Unsere Forderungen 2010/11 an die Landespolitik NRW:
G8 - wir verlieren unsere Kinder: Die Landeselternschaft NRW hat für G8 abgestimmt. 600 Elternvertreter haben für 50.000 Eltern in NRW votiert. 50.000 Eltern in NRW sind jedoch zu G8 nie befragt worden. Das ist nicht unser Verständnis von Demokratie.
Es müssen umgehende Maßnahmen ergriffen werden, um den doppelten Abiturjahrgang zu entlasten. Die Kinder fühlen sich als B-Abiturienten, es kommen auf 176.000 Schulabgänger von gymnasialen Oberstufen 120.000 Studienplätze. Die vorhandenen Ausbildungsplätze werden dann auch nicht mehr in ausreichendem Maße für Haupt- und Realschüler zur Verfügung stehen.
Wir fordern, dass für das Jahr 2013 die doppelte Anzahl von Studienplätzen und Ausbildungsplätzen zur Verfügung gestellt wird.
Durch G8 entsteht grundsätzlich eine Verletzung des Rechts auf Chancengleichheit für unsere Kinder. Wir fordern jetzt eine transparente und basisdemokratische Abfrage bei allen betroffenen Eltern in NRW zur Wahl zwischen G8 und G9.
Wir fordern die guten Schulen für alle, die längst von Lehrern, Wissenschaftlern und Eltern entwickelt und erprobt sind.
Wir fordern die Chancengleichheit für alle, ein deutlich größeres Bildungssangebot als das 3gliedrige Schulsystem in NRW.
Es muss möglich sein, für unsere Kinder die individuell passende Schulform wählen zu können, ob Gesamtschule, Gymnasium, Realschule, Stadtteilschule, Hauptschule, integrative Schulen oder eine Schule für alle.
1,5 Milliarden Euro Ausgaben für Nachhilfe dokumentiert die Schattenseite unseres Schulsystems (laut Studie Bertelsmann Stiftung Januar 2010). Rund 1,1 Millionen Schüler nehmen mittlerweile regelmäßig bezahlten Nachhilfeunterricht! Die Schule scheint für viele nicht mehr ohne Nachhilfe zu schaffen zu sein. Eltern müssen für die Missstände in der Bildungspolitik geradestehen. Viele der befragten Institute sagen aus, dass der Bedarf sogar noch größer sei. Doch hätten manche Eltern nicht die finanziellen Mittel.
Die Gesamtschule - eine zentrale Forderung für NRW und Münster
15.000 Kinder in NRW haben 2010 keinen Platz an Gesamtschulen erhalten. In Münster bewerben sich ca. 700 Kinder jährlich an der Friedensgesamtschule, 180 Kinder werden angenommen (63 Hauptschüler, 63 Realschüler, 63 Gymnasiasten). Der Abschluss z.B. in 2009 zeigt hervorragende Ergebnisse: 4 Kinder mit gutem Hauptschulabschluss, 146 Kinder mit der Qualifikation zur Oberstufe, ca. 40 Kinder mit Realschulabschluss, diese Zahlen sprechen für sich. Eltern und Kinder aus Münster wollen diese Schulform. Wir fragen uns, warum es in Münster nicht mindestens eine 2. Gesamtschule gibt? Warum gibt es NRW-weit nicht mehr Gesamtschulen/Stadtteilschulen? Wir fordern mehr Gesamtschulen oder Stadtteilschulen für NRW.
Migration wird ein zentrales Thema der Zukunft sein. Wir fordern Kinder mit Migrationshintergrund gleichberechtigt abzuholen und zu integrieren. Diese Kinder sind die Verlierer in unserem System.
Wir fordern, dass Kinder mit Förderbedarf (Legasthenie, Dyskalkulie, ADHS und anderen Lernbehinderungen) gesetzlich bundesweit gleichwertig mit ihren Lernschwächen anerkannt werden. Individuelle Förderung wird mittlerweile an allen Schulen angeboten, diese Förderung hilft diesen Kindern nicht. Für diese Schülergruppen sind besondere schulische Fördermaßnahmen notwendig. Sonst verlieren wir diese Kinder.
Wir fordern, dass Kinder mit Behinderungen integriert werden.
Integration ist kein Problem, dessen Für und Wider diskutiert werden kann, sondern Aufgabe jeder demokratischen Gesellschaft.
Fazit
Wir fordern einen runden Tisch, an dem alle Parteien zusammen und konstruktiv mit Bildungsfachleuten neue Visionen für das Land NRW entwickeln und in Absprache mit der Bevölkerung umsetzen.
Wir fordern eine moderne Politik, die die Instrumente der direkten Demokratie und der Bürgerbeteiligung nutzt, in dem sie die Menschen nach ihren Wünschen und Visionen befragt.
Wir wollen zufriedene Lehrer, zufriedene Kinder und zufriedene Eltern.
Wir wollen, dass unsere Kinder jetzt mit Spaß lernen zu lernen.
Ein Zitat unserer Landespolitiker und von Politikern unserer Veranstaltung:
"Schulpolitik ist wie Krieg. Da geht es immer ganz hart zur Sache."
Wir können nicht verstehen, dass die Politik dieses Landes mit einem so zentralen Thema in dieser Art und Weise umgeht, es wird auf dem Rücken der Kinder, Eltern und Lehrer ausgetragen.
Die Antwort der SPD 2010:
An die
Initiative Bildungsfreundschaft
Frau Dr. Eva Dammann
Sehr geehrte Frau Dammann,
sehr geehrte Frau Liebert,
vielen Dank für Ihre E-Mail vom 21. April 2010, in der Sie mehrere bildungspolitische Themen ansprechen. Gern teile ich Ihnen unsere Positionen zu den von Ihnen angesprochenen Themen mit.
Die Position der SPD zum Thema „G8/ Turbo-Abitur“
Die Art und Weise, wie das Turboabitur in NRW organisiert wurde, belastet Schülerinnen und Schüler, Eltern, Lehrerinnen und Lehrer in unverantwortlicher Weise. Die Schulzeitverkürzung hat zu einer ernormen Verdichtung des Unterrichts in der Sekundarstufe I des Gymnasiums geführt. Zudem hat es die schwarz-gelbe Landesregierung versäumt, rechtzeitig angemessene Rahmenbedingungen zu schaffen. Die Lehrerinnen und Lehrer wurden nicht vorbereitet, die Lehrpläne nicht frühzeitig genug überarbeitet und der Ganztag viel zu spät, nur auf Druck und unzureichend, eingerichtet. Konsequenz ist: Das Turboabitur erzeugt unangemessenen Lerndruck, verhindert Durchlässigkeit und überfordert die Schulen bei der Umsetzung. Das werden wir korrigieren. Wir werden den Schülerinnen und Schülern den Weg zum Abitur nach zwölf, aber auch nach 13 Jahren offen halten. Ein generelles Abitur nach zwölf Jahren lehnen wir ab.
Bezüglich des Themas „Doppelter Abiturjahrgang 2012/2013“ verweisen wir auf einen entsprechenden Antrag der SPD-Landtagsfraktion (http://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMD14-10597.pdf).
Die Position der SPD zum Thema „Gute Schule für alle“
Für gerechte Bildungschancen brauchen wir längeres gemeinsames Lernen mit individueller Förderung jedes einzelnen Kindes. Die viel zu frühe Auslese von Schülerinnen und Schülern und die mangelnde Durchlässigkeit zwischen den Schulformen führen in hohem Maße zu Benachteiligungen. Obwohl der Zusammenhang von gegliedertem Schulsystem und sozialer Ungerechtigkeit offensichtlich ist und durch internationale Studien bestätigt wird, verweigern sich die Konservativen in unserem Land den dringend notwendigen Reformen.
Nordrhein-Westfalen braucht seine Kinder, seine Talente – und zwar alle! Das mehrgliedrige Schulsystem verschwendet Talente, zu viele Schülerinnen und Schüler werden abgeschult, zu viele bleiben sitzen, zu viele verlassen die Schule ohne Abschluss. Noch immer erlangen zu wenige die Berechtigung zum Hochschulzugang. Wir wollen das erfolgreiche gemeinsame Lernen in Vielfalt in den Grundschulen auf die weiterführenden Schulen übertragen.
Wir setzen auf die Gemeinschaftsschule als Schule der Zukunft. Wir werden die Menschen auf diesem Reformweg mitnehmen und werben deshalb für einen breiten bildungspolitischen Konsens in der Gesellschaft.
Die Gemeinschaftsschule ist eine Ganztagsschule. Sie nimmt die Kinder nach der Grundschule auf und ist bis zur Klasse 10 für deren Bildungserfolg verantwortlich. In den Klassen 5 und 6 findet für alle Kinder ein gemeinsamer Unterricht statt. Eltern, Schule und Schulträger entscheiden, ob ab der siebten Klasse weiterhin ein vollständig integrativer Unterricht stattfindet oder ob eine Differenzierung (beispielweise in Hauptschul-, Realschul-und Gymnasialklassen) vorgenommen wird. Am Ende der Klasse 10 können auf der Gemeinschaftsschule alle Abschlüsse der Sekundarstufe I erreicht werden.
Mit der Gemeinschaftsschule sichern wir ein wohnortnahes Schulangebot und ermöglichen es so den Städten und Gemeinden, flexibel auf die demografische Entwicklung zu reagieren.
Die Gemeinschaftsschule steht für eine andere Lernkultur. Jede Schülerin, jeder Schüler erhält einen individuellen Lern-und Förderplan. Wir wollen, dass der Unterricht neu organisiert und gestaltet wird. Lernen in Projekten und fächerübergreifendes Lernen erfordern flexiblere Organisationsstrukturen. Ziel ist die konsequente Berücksichtigung unterschiedlicher Lernvoraussetzungen und Fähigkeiten. Um diese Ziele zu erreichen, brauchen Lehrerinnen und Lehrer entsprechende Ressourcen, Zeit sowie Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten.
Die Position der SPD zum Thema „Gesamtschule“
Statt die Anstrengungen der vielen Initiativen zur Gründungen von Gesamtschulen positiv zu begleiten und im Sinne des klaren Elternwillens aktiv zu werden, behindert die Landesregierung Neugründungen von Gesamtschulen wo und wie sie kann. Was mit der Negativnovellierung des Schulgesetzes begann, um Gesamtschulgründungen zu erschweren, setzt sich mit der nicht nachvollziehbaren Streichung der notwendigen Schulleitungsentlastung an Gesamtschulen fort. Und auch vor einer absichtlichen Fehlauslegung des Schulgesetzes wurde nicht zurückgeschreckt. Ohne rechtliche Grundlage gab das Schulministerium für Neugründungen von Gesamtschulen vor, dass ein Drittel der Schülerinnen und Schüler über eine Gymnasialempfehlung verfügen muss. Erst das Urteil des Kölner Verwaltungsgerichts zu der geplanten Gesamtschulgründung in Bonn stoppte das willkürliche Handeln des Schulministeriums und machte den Weg frei für die Gründung der vierten Gesamtschule in der ehemaligen Hauptstadt.
Doch statt endlich die politisch motivierten Angriffe auf die Gesamtschulen zu unterlassen, kündigt die Landesregierung die Fortsetzung ihrer gesamtschulfeindlichen Politik an.
Für die SPD ist klar: Die Diffamierung der Gesamtschule wird beendet. Entwicklungen vor Ort werden konstruktiv begleitet und die Ganztagsform wird wieder ermöglicht.
Die Position der SPD zum Thema „Inklusion“
Die Schule der Zukunft ist eine Schule des gemeinsamen Lernens. Nirgendwo besuchen so viele Kinder mit Behinderungen oder Lernschwächen spezielle Förderschulen wie in Deutschland – in vielen Fällen völlig unnötig. Wir setzen auf das Prinzip der Inklusion. Ein inklusives unterscheidet sich von einem integrativen Bildungssystem. Die integrative Pädagogik strebt die Eingliederung von Schülerinnen und Schüler in das allgemeine Bildungssystem an. Inklusion hingegen bedeutet, dass Strukturen und Didaktik von vornherein auf die Unterschiedlichkeit der Schülerinnen und Schüler und individuelles Fördern und Fordern ausgerichtet sind. Wir wollen eine Neuorientierung in der sonderpädagogischen Förderung hin zu einem inklusiven Bildungssystem. Die Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen erfordert einen bedarfsgerechten Umbau des Schulsystems: die Förderung behinderter oder benachteiligter Kinder in der Regelschule muss zum Normalfall, ihre Aufnahme an besonderen Förderschulen der Ausnahmefall werden.
Abschließend noch folgender Hinweis zu dem in Ihrer E-Mail dargestellten Fazit. Wir setzen auf eine dialogorientierte Bildungspolitik. Nur gemeinsam mit den Menschen schaffen wir es, die notwendigen Veränderungen vorzunehmen. Mit unserem Landeswahlprogramm, das hier schon auszugsweise zitiert wurde, geben wir die richtigen Antworten. Die falsche Antwort ist Schulpolitik als Krieg zu beschreiben. So etwas lehnen wir ab. Streit in der Sache ja, Politik auf den Rücken der Kinder, Eltern und Lehrer auf keinen Fall.
Mit freundlichen Grüßen
Dennis Buchner
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SPD-Landesverband Nordrhein-Westfalen (NRWSPD)
Abteilungsleiter
Parteileben
Die Antwort von Bündnis 90 / Die Grünen 2010
Sehr geehrte Frau Dr. Dammann,
vielen Dank für Ihre Nachricht und die Meinungsäußerungen, die mit den Forderungen der GRÜNEN große Übereinstimmung zeigen. Für Ihre Verärgerung habe ich vollstes Verständnis. Auch ich möchte gerne die verfehlte Schulpolitik von Schwarz-Gelb beenden.
In unserem grünen Zukunftsplan für NRW (dem Programm zur Landtagswahl) haben wir unsere bildungspolitischen Vorstellungen ausführlich formuliert (http://www.gruene-nrw.de/themen/programm/kluges-nrw.html). Und zu den von Ihnen angesprochenen konkreten Problemen mit dem doppelten Abiturjahrgang sind wir auch parlamentarisch initiativ geworden - eine Auswahl unserer Anträge und Anfragen finden Sie unter http://www.gruene.landtag.nrw.de/cms/schule/rubrik/10/10365.schule_weiterbildung.html. Darüber hinaus haben wir eine größere Veranstaltung zu den Auswirkungen des G8, wie die schwarz-gelbe Landesregierung es umgesetzt hat, durchgeführt, deren Dokumentation Sie unter http://www.gruene.landtag.nrw.de/cms/default/dokbin/251/251829.gruener_g8gipfel_schule_darf_nicht_krank.pdf finden können.
Zu der Frage, ob G8 oder G9 wollen wir GRÜNE, dass Schulen in Abstimmung mit den Eltern und der Kommune entscheiden können, ob sie die Schülerinnen und Schüler erst nach 13 Jahren zum Abitur führen oder eben nach 12 Jahren. Dazu gehört auch der Ausbau des Ganztags an den Schulen.
Starke GRÜNE nach den Wahlen eröffnen die Möglichkeit, dass sich in unserem Bildungssystem etwas zum Positiven verändert. In diesem Sinne:
für eine gute Wahl am 9. Mai!
Mit freundlichen Grüßen
Sylvia Löhrmann MdL
Fraktionsvorsitzende und
Sprecherin für Bundes- und Europaangelegenheiten
Bündnis 90 / Die Grünen im Landtag NRW